Es ist Frühling. Die Natur ist so schön in diesen Tagen, als wollte sie sagen: «Schaut her, ich habe auch anderes zu bieten als das todbringende Corona-Virus. Ich bringe euch sonnige Tage, bunte Blumen, zwitschernde Vögel, Sonne, zartes Grün und blühende Bäume.» Ich und mein Mann sitzen im Garten und geniessen – zum letzten Mal. Beim Bewundern all der Schönheiten wird uns richtig bewusst, dass wir Abschied nehmen. Wir werden in Herbst unser Haus verlassen, in dem wir drei Töchter grossgezogen haben. Uns verbinden so viele schöne Erinnerungen mit diesem Ort. Es wird uns schwermütig ums Herz. Tatsächlich, Abschied bedeutet immer auch ein bisschen Sterben.
Unser Aprikosenspalier rebelliert. Er war jedes Jahr der Baum, der uns den Frühling anzeigte. In diesem Jahr waren wir überrascht, als der Birnbaum vorher blühte. Noch ahnten wir nichts. Als der gesamte Garten in Blüte stand, aber unser Aprikosenbaum immer noch nicht, dämmerte es uns. Wir suchten ihn nach Knospen ab und fanden keine einzige. Als ob er uns sagen will: «Ihr verlasst mich, also verweigere ich mich euch.» Das tut weh. Ich hatte mir vorgenommen, das Mysterium dieses Baumes noch einmal ganz bewusst zu erleben: die prächtigen Blüten, die prallen Knospen, die vom Grün bis zum Knallgelb sich wandelnden Früchte. Ich wollte sie noch einmal – jede einzelne Früchte – drücken, ertasten, ob sie genug reif ist für die Ernte. Ich wollte sie noch einmal kosten, unsere eigenen Früchten, die wie keine anderen Aprikosen köstlich sind. Ich wollte noch einmal Konfitüre machen und sie an meine Kinder verschenken…. Und wie ich das schreibe, kullern die Tränen.
«Partir, c'est mourir un peu». Genau so kommt es mir vor. Das Alter fordert viele Abschiede: weniger Behändigkeit, Gebrechlichsein, Vergesslichkeit, Krankheiten, da eine Bewegung im Yoga, die nicht mehr so gut gelingt wie früher, dort ein Wewehchen, das früher nicht war.
Als ich vor fünf Jahren die Diagnose Brustkrebs erhielt, war ich gezwungen, mich mit dem Abschiednehmen – sprich Tod – wirklich zu befassen. Am meisten bedauerte ich, dass ich vielleicht nie Grosskinder erleben werde. Heute bin ich wieder genesen, und soeben bin ich zum zweiten Mal Grossmutter geworden. Wie berührt mich die Sympathiewelle meiner ersten Enkelin immer wieder. Wie bin ich sprachlos wegen des Vertrauens, das dieses kleine Kind in mich setzt. Welch ein Glück, den gesunden Enkelsohn – in Corona-Zeiten leider auf Abstand– sehen zu dürfen.
Manchmal überfällt mich eine grosse Neugierde, wenn ich mir meine Grosskinder in zehn, zwanzig Jahren vorstelle. Was wird aus ihnen werden? Wie werden sie sich entwickeln? Welche Fähigkeiten und Schwächen wird sie auszeichnen? Welche Fragen werden sie Stellen? Wie werden sie ihr Erwachsenenalter gestalten? Ich rätsle dann, wie lange ich sie noch begleiten darf: «Sicher bis zur Primarschule», sage ich mutig. Meine Gedanken werden kühner: «Vielleicht erlebe ich ja noch ihre Berufswahl?» Ich extrapoliere immer weiter, halte den Atem und werde mir bewusst, dass ich sie irgendwann zurücklassen muss. Das ist der Lauf des Lebens, denke ich, und es tut sehr weh. Schon wieder kullern die Tränen. Was ist bloss los mit mir am heutigen schönen Tag?
© Bernadette Kurmann, April im Coronajahr 2020.
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